jubiläum

durch meine wohnung
wandern die schatten
und trinken auf gestern

hinter den wänden
ruft es nach ihnen
kann sein: schweigen

oj, ich habe flaschen
für das meer geleert
morgen fahre ich hin

aber vorher sterben
meine väter in weiß
sie werden das nicht verstehen

barcelona I

auf umzäunten plätzen
hüten junge mütter ihre
wachsende erinnerung

treten männer produkte
ihrer flüche als leergut
in den überdachten tag

am morgen sind immer
genug bäume übrig um
alle betten vollzustellen

wird jede neue auflage
überflogen von vögeln
mit weichem rückgrad

schwimmhaut/ binnenland

dicke luft, kick die krähen, die strommäste
stehen im schönsten zenit. windstärke? drei.
denkst das wetter, wie immer, mimöschen,
fühlt sich so schwach. all die hochhäuser,

schwimmer in dünnen hosen am see
nehmen ihm kraft. und weiter drin
in der stadt zeig die stelle am ellenbogen,
wo’s mit uns hingeht. was das denn soll,

dieses ‘wir’ vorzubringen. wie eine schatzkarte,
andere zeit. fahr zwischen die finger.
rückbildung. ringe. windräder, web deinen ehrgeiz
in türme aus stahl. und denk an die flauten,

bitte, die lücken. dazwischen stehen maschinen
ohne geräusch. stehen sie zu nah? sie brauchen
mehr holz. halt ihre erträge gegen die uhren.
die kläglichen blätter, rotierenden parks.

[gemeinde gersten]

zerrissene münder
gemeinde gersten
hinter sich erneuerung des
dorfes bereits durchgeführt
bevor der linienzieher richter
wurde es endlich geschlossen
dass abgeläut nachklang dem leeren
türkensattel syrische hamster enthoben
waren die zuvor nur saisonal liebten
potenz ganzjährlich erhalten
love me like a reptile denn
das hieße melatoninverdruss

der winterschlaf wird warten müssen
weiß das dritte auge sechstes
von sieben hauptchakren
eines menschen bei dem es
unweit offen steht im voraus
auf die stirn geschaut

intelligenz ist einer
dressur von tieren
nicht zwingend zweckdienlich
rundheraus ein mühlstein dafür
beleg ins rollen gebrachter
sachen wenn hamster das sollen
werden fahrradwege zementierte
problemfelder auf dem lehrpfad
zum thema planwirtschaft sie bewohnen
überwiegend fruchtbares ackerland
doch hinter der grenze kann
vieles anders daliegen

aus dem zug

tiere in gefleckten ganzkörperanzügen
trinken sternbilder aus tümpeln lächeln
tischnachbaren in den händen proviant

ich spüre deutlich: alle salamibrötchen
der republik sehen mich an mit weißen
fettaugen von denen ich eines tausche

und plötzlich marschiert ein wald auf
mit wurzeln die in das erdreich greifen
wie zeigefinger durch diese geschichte:

eine kuh wird nervös auf dem holzsteg
zur melkmaschine verrutscht eine zunge
man bedenke bloß mal diese bremskraft

stumpf.trott.schotter.

man möchte dem obststand
mienenspiel angedeihen lassen,
stattdessen wächst der müll
im hof und die milieustudie

wird zur kaffeefahrt, im grunde
knapp verpasst. wie siehst du
das: wenn der mittagstisch,
die nachspeise mal beflügelt

beiseite geschoben, beginnt,
ansprüche an dich zu stellen.
wenn die abreise so etwas ein-
führt wie wespen im strumpf,

nur offiziell unterzeichnet,
wenn und wir kommen in die
engere auswahl, der geist des
leichten jammers zu gram

übergeht und der grad der
verständidung mit der eigenen
bedürftigkeit in bezug auf,
sagen wir, späte tonscherben.

LESUNG: Marquardt & Schmid in München

Die eine oder der andere haben es schon zwitschern gehört: Da tut sich was in der noch nicht vorhandenen jungen Münchner Lyrikszene. Walter Fabian Schmid und Tristan Marquardt veranstalten ab Juni eine Lesereihe für neue Lyrik mit je drei Gästen: MEINE DREI LYRISCHEN ICHS. Auf dass da was wachse. Dass die beiden auch selbst schreiben, ist nichts Neues, wohl aber, dass sie zusammen lesen. Und zwar zum ersten Mal diesen Sonntag, 13. 5., um 18 Uhr im Rahmen einer Ausstellung im Salon Lo Zoo. Herzliche Einladung!

[tatlin]

tatlin, eine woche in der alles wehtut. alles einmal
angeschlagene trägt. wenn man wartet unterm lichtfeld,
bei einer wasserwand versteckt in der art, könnte man sagen
wir fälschen athen oder sparta. avantgardisten sind shootingstars,
sich schnell verbrennende visionäre. kochlöffel in männerpullis,
in frauenpullis. was bleibt. subversion kommt von silbernen fischen
im bad, ich hab da inzwischen nicht mehr so hohe ansprüche. türmen,
schmerzen, ein zweites mal woanders suchen, ich danke dir. tatlin.
kleine ente mit revolver voll glück. elf minuten einer rakete zuschauen,
dann dreht das boot zum hafen zurück. wie stückweise licht im koffer,
egal ob du das warst oder jemand anders. weiter. alles in trümmer
gerafft, ein billiges frühstück im hagel, von oben nach oben
zurück. durch die zufallswolken, die über die erde spuren.
und kaum sind wir draußen, bricht ein schlingern
in meine wohnung ein gefühl von zeit.

[hilfestellung]

kirschen im regen, wachsweicher asphalt. du bleibst
in hilfestellung, redest weiter, suchst nach steinen
im obst, einem lösungsmittel. den strand magst du
nicht mehr und auf die risse im gehweg darfst du
nicht treten, sie platzen sonst auf. überall osmose.
wenn ich später wieder da bin, läuft regen in die
gläser und wir stoßen noch einmal an einander
wie die möglichkeit einer änderung, fürchten uns
ganz leise vor den plattgetretenen dünen am weg,
dem holzkrokodil im gebüsch oder etwas anderem,
das dich holen kommt. das war vielleicht schon
länger da, hatte gewartet in den floskeln unterm
schirm, als wir die gruppe verloren beim wandern
und aufhörten zu suchen; das war vielleicht schon
die ganze zeit über das falsche meer gewesen.

[krakeelendes holztier]

krakeelendes holztier. rüttelt an einer pyramide aus holz.
die pyramide ist überall besetzt mit kleinen spitzigen dingern.
die sind auch aus holz. bloss semi-domestiziert das vieh. schüttelt,
auf dass die dingerchen fallen hinab in den schlund. von der pyramide
wenigstens teile zu verzehren, das hülfe, denkt es sich.
immerhin denkt es, möchte man sagen, aber vorerst ist unklar,
ob sich das so verhält, ob es es das richtige zaumzeug ist,
der kreatur nicht besser ein audioguide zur seite zu stellen wäre.
auch ein iglu, ein paar wärmetauscher – behausung jedenfalls.
derweil das tier weiter in opferhaltung vor dem gestänge und fordert
und fordert und man könnte listen davon machen, es würde nicht satt.

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